Interview mit der Sängerin Hana Blažíková


Bild Hana BlažíkováFrau Blažíková, warum singen Sie?
Das ist etwas ganz Selbstverständliches für mich, denn ich bin in einer Familie von Musikern aufgewachsen, und wir haben alle gesungen, unsere ganze Kindheit hindurch. Meine Schwestern und alle um mich herum sangen, und so habe ich auch gesungen, weil das einfach ganz normal war. Als ich etwas älter war, ging ich in eine Schule, in der Musik eine große Rolle spielte und wo ich auch viel sang, und als ich 14 war, begann ich Gesangunterricht zu nehmen. So war das immer ganz natürlich, dass ich sang und ganz normal.

Und was haben Sie damals gesungen?
Als Kind habe ich natürlich in einem Chor gesungen, und außerdem hatte ich in der Schule einen wirklich großartigen Musiklehrer, der mich mit der Alten Musik bekannt machte: Wir sangen und spielten mittelalterliche und Renaissancemusik, und so lernte ich diese Epochen schon damals kennen und lieben. Und mit 14 begann ich dann klassischen Gesang zu studieren.

Ist 14 nicht sehr früh dafür? Normalerweise sagt man ja, dass man erst mit 18, 19 Jahren, wenn der Körper physisch ausgewachsen ist, so richtig mit einer Gesangsausbildung beginnen kann, dass die Stimme erst dann reif dafür ist, oder?
Ja, das ist wahr - und meine Stimme war damals überhaupt noch nicht reif dafür. Aber das war eine Art musisches Gymnasium in Prag, so etwas wie eine Kombination aus Gymnasium und Konservatorium, und meine Familie wollte, dass ich dahin gehe und dort Unterricht bekomme, und ich wollte das auch. Ich liebte die Musik, und Jeder erzählte mir, ich hätte eine schöne Stimme, so kam das. Ich wollte noch nicht direkt an‘s Konservatorium gehen, denn das erschien mir zu früh, und auch meine Familie wollte, dass ich erst noch eine bessere Ausbildung, einen höheren Schulabschluss bekäme; und so ging ich eben auf diese Schule und bekam dort Gesangsunterricht.

Könnte es sein, dass Ihre Stimme heute so natürlich, so mühelos klingt, gerade weil Sie so früh - praktisch noch als Kind - angefangen haben zu singen?
Nein, ich glaube nicht, denn ich habe damals ganz anders gesungen, als heute. Tatsächlich musste ich, als ich dann mit 18, 19 Jahren am Konservatorium anfing ganz klassisch Gesang zu studieren, noch mal ganz von vorne anfangen und meine Technik noch mal ganz neu aufbauen, weil sie nicht gut war.

So war es also eigentlich Ihr Musiklehrer in der Schule, der Ihre Faszination für die Musik aus Mittelalter und Renaissance geweckt hat?
Ja, das war schon zu einem Teil die Grundlage dafür. Denn jedes Mal, wenn wir in der Schule mittelalterliche Musik gesungen haben, empfand ich etwas ganz Spezielles. Ich hatte das Gefühl, dass ich diese Sachen viel lieber hätte, als die normale klassische Musik, die man sonst hörte. Außerdem war es aber auch meine Familie, die mich für den Barock erwärmt hat, denn meine Großmutter spielte öfter tschechische Musik aus dem 18. Jahrhundert, und so entwickelte ich auch einen Bezug zu dieser Art von Musik.

Wann und wo haben Sie dann Ihre Alte-Musik-Ausbildung bekommen?
Ich habe nie irgendeine Ausbildung in Alter Musik gemacht. Ich habe am Konservatorium in Prag klassischen Gesang studiert, aber ich hatte immer schon diese relativ gerade Stimme und konnte sehr gut ohne Vibrato singen. Die Stimme war auch nicht so groß wie die meiner Studienkollegen, und so fühlte ich mich auch nie besonders wohl im großen romantischen Repertoire, mit lauten Arien und solchen Sachen.
Als ich mein Studium abgeschlossen hatte, habe ich einen Dirigenten kennengelernt, der mich einlud, in seinem Barockensemble mitzusingen, und damals fing ich eigentlich erst an, mich richtig mit der Barockmusik vertraut zu machen. Da merkte ich sehr schnell, dass ich diese Musik auch sehr liebte, und dass sich meine Stimme dafür hervorragend eignet und so fühlte ich mich gleich zu Hause darin.

Und das hat alles gleich funktioniert nach dem klassischen Gesangsstudium?
Ja, das lag einfach so gut in meiner Stimme. Ich habe damals natürlich auch viele gute Barocksänger angehört, und probierte dann so einiges aus, was mir gefiel, kombinierte verschiedene Aspekte dessen, was ich da hörte, mit dem, was ich gelernt hatte und was bei mir funktionierte. Etwas später besuchte ich auch einige Meisterkurse und versuchte dann einfach, das zu erreichen, was meiner Meinung nach schön klang. Ich habe da so eine ganz bestimmte Vorstellung von einer perfekten Stimme, einem perfekten Klang im Kopf, und ich versuche, dem so nahe wie möglich zu kommen.

Warum ist Ihre Stimme, wie sie ist - was machen Sie vielleicht anders, als andere Sopranistinnen, dass das so natürlich und hell und mühelos klingt?
Ich weiß es nicht. Ich versuche natürlich zu singen, aber ich weiß nicht, ob es das ist. Schon wenn ich als Kind gesungen habe, haben oft Leute sehr emotional reagiert, haben angefangen zu weinen und mir gesagt, wie wunderschön das klänge. Aber ich wusste damals schon nicht, woran es liegt, und ich weiß es heute noch nicht. Wenn ich meine Stimme auf Aufnahmen höre, finde ich sie gar nicht besonders schön - es klingt ganz anders, als ich mich selbst höre -, aber manchen Leuten gefällt es offenbar... (lacht)

Was ist heute Ihr Hauptrepertoire?
Vor allem Barockmusik: In erster Linie Bach, und auch viel andere deutsche Barockmusik. Aber ich singe auch sehr viel mittelalterliche Musik, denn ich arbeite viel mit dem Mittelalterensemble Tiburtina, das in Prag zu Hause ist. Wir singen viel Gregorianik, frühe Polyphonie, und ich spiele auch Harfe in diesem Ensemble. Das ist natürlich wunderbar für mich, denn ich liebe die mittelalterliche Musik nunmal sehr, und mit diesem Ensemble kann ich viel davon machen.
Ich beschäftige mich aber auch immer wieder einmal mit anderem Repertoire, denn ich singe natürlich das, wofür man mich einlädt, und das sind oft ganz unterschiedliche Dinge. Aber den größten Teil nimmt doch die Barockmusik ein. So ist es also Barock und Mittelalter, was mich vor allem beschäftigt.
Gelegentlich singe ich aber auch Liedprogramme, und im Oktober habe ich gerade - nach langer Zeit einmal wieder - einige romantische Lieder gesungen, und war eigentlich ganz überrascht, wie vielen Leuten das gefiel, wie begeistert sie waren. Und mir machte es auch unheimlich Spaß! Also, vielleicht ist es Zeit, das anzugehen. Ich bin auch gerade dabei, mit einem Pianisten, der mich für ein Konzert eingeladen hat, ein Programm mit Dvorak-Liedern zusammenzustellen, das wir nächstes oder übernächstes Jahr dann mehrfach aufführen wollen, und so wird sich das wohl in den nächsten Jahren auch ein wenig entwickeln.

Gerade Barocksänger tun sich ja oft besonders leicht mit der ausdrucksvollen Interpretation von Texten, denn sie sind es aus ihrem Repertoire, aus ihrer täglichen Arbeit gewohnt, sorgsam mit Text umzugehen, oder?
Ja, das spielt sicher eine Rolle. Und ich denke, auch die klaren Stimmen von Barocksängern sind ganz gut geeignet für das Liedrepertoire. Wenn ich alte Liedaufnahmen, vom Anfang des 20. Jahrhunderts höre, fällt mir auch immer wieder auf, wie anders der Klang der Stimmen damals war: So viel leichter, gewissermaßen silbrig, und lang nicht so groß wie heute. Das war noch nicht die Zeit, in der man die größte, lauteste Stimme mit dem meisten Vibrato am besten fand. Das kam erst viel später, in den 50er, 60er Jahren, das sich diese breiten Stimmen etablierten.
Ja, ich werde sehen, inwieweit ich in dieser Richtung weiter gehen werde, wie sich meine Stimme weiter entwickeln wird. Sie hat sich in letzter Zeit schon ein bisschen verändert, und ich bin gespannt, wohin mich das führen wird. Ich habe eigentlich nicht vor, irgendwann Oper zu singen, aber wenn sich meine Stimme dahin bewegt und es sich gut anfühlt - warum nicht?
Doch bislang bin ich einfach noch so beschäftigt mit der Barockmusik, dass ich erst mal in dieser Richtung weitermachen möchte.

Denken Sie manchmal darüber nach, was Sie in zehn Jahren singen, wo Sie dann stehen wollen?
Nein, überhaupt nicht. Ich weiß nicht mal, ob ich dann noch singen werde - ob mein Leben das gleiche sein wird wie heute. Nein, darüber denke ich nicht nach.

Was ist für Sie Barockmusik, wie erleben Sie sie, was ist das Faszinierende daran?
Barockmusik ist für mich vor allem unglaublich expressiv. Und dann sehr rhythmisch - das ist in späterer, zum Beispiel romantischer Musik sehr selten.
Als ich anfing, Barockmusik zu singen, war ich zuerst einmal wirklich erstaunt, wie rhythmisch das ist. Ich mochte Rockmusik sehr gerne, und manches barocke Stück klingt tatsächlich ein bisschen wie Rockmusik. Das war also das erste, was mir da auffiel und gefiel. Aber wenn man dann zum Beispiel Bach nimmt: Das ist so anders, als jeder andere Komponist, als alle andere Musik dieser Zeit. Seine Musik ist so viel tiefer, so ausdrucksstark, und auch so kompliziert - und sie versetzt einen in eine vollkommen andere Welt. Das ist etwa ganz besonderes.
Aber auch sonst gibt es natürlich ganz verschiedene Arten der Barockmusik - viele Komponisten haben eine ganz eigene Musiksprache.

Was machen Sie als Mittelaltersängerin und -harfenistin für Programme?
Eines meiner Projekte im nächsten Jahr sind zum Beispiel Cantigas de Santa Maria, wobei ich mich selbst auf der Harfe begleite. Dann gibt es einige Konzerte, wo ich mit einer Freundin zusammen auftrete, Barbora Sojkovà, die auch singt und Harfe spielt: Da machen wir sehr frühe französische Musik. Im März spielen wir mit dem Ensemble Tiburtina ein sehr schönes Programm in Gent, in Belgien: Das ist Hildegard von Bingen, mit Psalterium, zwei Harfen, und Sängerinnen, das wird sicher sehr schön.

Sie haben mit einigen der bekanntesten Ensembles und Dirigenten aus der Welt der Alten Musik gearbeitet. Was war das Wichtigste, was Sie dabei für sich mitgenommen haben?
Ich habe von einem sehr bekannten Dirigenten gelernt, dass das wichtigste Gestaltungselement in der Barockmusik - zum Beispiel bei Bach - der Tonansatz, der Stimmansatz ist. Wichtiger noch, als schöne, wohlgeführte Linien zu singen, ist es, den Text mit seinem Singen exakt auszudrücken. Das war sicherlich das Grundsätzlichste, das Prägendste, was ich bei meiner Arbeit erfahren habe.

Sie arbeiten mit Musikern aus den verschiedensten Ländern, von Holland über Belgien, Deutschland, bis Tschechien, Japan, Kanada... - würden Sie sagen, dass es typische nationale Musizierstile und Eigenheiten gibt?
Es ist meiner Erfahrung nach nicht so, dass es da den typisch deutschen und den typisch französischen und belgischen Stil gibt, und so weiter, sondern ich würde eher sagen, dass sich das nach dem jeweiligen Dirigenten richtet: Der eine hat eine energischere Ausdrucksweise, der andere geht die Musik eher philosophisch oder poetisch an.

Und wie ist es mit dem Publikum, sehen Sie da nationale Unterschiede, wie man auf die Alte Musik, die historische Aufführungspraxis reagiert?
Da gibt es tatsächlich Unterschiede: Wenn man in Belgien, Frankreich oder Holland singt, da sind die Leute diese Art der Musik, der Musizierweise schon sehr lange gewohnt, es gibt eine Menge Ensembles mit langer Tradition, und man kann so ungefähr jede Woche mindestens ein Alte Musik-Konzert besuchen. In Tschechien gibt es lang nicht so viel Auswahl, und die Tradition ist auch noch nicht da. Vor der Jahrhundertwende gab es wirklich nur sehr wenig Leute, die sich mit der Alten Musik beschäftigt haben, und es fing überhaupt erst Mitte der 90er Jahre an, dass sich auf diesem Gebiet etwas entwickelte. So ist das für die Hörer immer noch etwas ganz Besonderes, was sie aber auch sehr schätzen.
Je östlicher man kommt, desto begeisterter ist das Publikum aber eigentlich. Ich habe einige Konzerte beispielsweise in Russland oder Polen gesungen, und die Leute waren so bewegt und so enthusiastisch! Auch in Japan schätzt man die Alte Musik sehr, wobei die Menschen dort ein bisschen distanzierter in ihrer Art sind. Trotzdem sind sie aber sehr warm und herzlich, wenn sie nach dem Konzert kommen und einem gratulieren - obwohl sie im Konzert niemals so jubeln oder schreien würden, wie das in anderen Ländern der Fall ist.

Sie sind nun seit zehn Jahren in der Alten Musik zugange, obwohl Sie vom Konservatorium her ja eigentlich in eine andere Richtung ausgebildet wurden. Was würden Sie Gesangsstudenten oder solchen, die es werden wollen, heute als Ratschlag geben, wenn sie sich in der Alten Musik etablieren wollen?
Gar nicht so viel eigentlich (lacht). Ich glaube, es ist immer wichtig, wirklich eine gute Technik zu entwickeln. Und dann einfach alle Arten von Musik auszuprobieren und zu schauen, was am besten zur eigenen Stimme, zur eigenen Persönlichkeit passt. Und ich würde sagen: Singe nie etwas, was zu viel für dich ist; singe beispielsweise keine großen romantischen Arien, wenn du dich dabei nicht wohlfühlst. Sing natürlich! Als ich am Konservatorium studierte, sang ich eine ganze Menge solcher romantischer Arien - und ich hasste es! Ich fühlte mich jedes Mal, wenn ich so eine Arie fertig gesungen hatte, gänzlich erschöpft. Und wenn sich Leute auf die Barockmusik spezialisieren wollen, ist es natürlich gut, so viele Informationen über die Musik und ihre Entstehungszeit zu sammeln, wie möglich.

Unterrichten Sie selbst?
Nein. Ich bin keine sehr geduldige Persönlichkeit... Ich habe schon das eine oder andere Mal unterrichtet, und es hat mir sehr gefallen. Aber ich bin so viel unterwegs, habe so viele Konzerte, und muss zwischendurch immer wieder neue Musik lernen und üben, dass ich beschlossen habe, vorerst einmal nicht zu unterrichten.

Wie ist die Situation der Alten Musik in Tschechien eigentlich inzwischen: Gibt es viele Ensembles, gibt es Möglichkeiten für eine Ausbildung an den Konservatorien?
Nun ja, das ist weder richtig gut, noch extrem schlecht (lacht). Es gibt inzwischen eine ganze Menge Ensembles in Prag - über den Rest des Landes weiß ich nicht so gut Bescheid. Aber in Prag gibt es viele Barockensembles und auch solche, die sich mit früherer Musik beschäftigen. Die Situation an den Konservatorien ist allerdings nicht besonders erfreulich: Man kann in Prag, überhaupt in Tschechien eigentlich nicht Alte Musik studieren, sondern muss irgendwohin in‘s Ausland gehen. Ich glaube, es gibt inzwischen eine Cembalo-Klasse am Konservatorium, aber wenn man zum Beispiel Barockvioline oder Barockgesang studieren möchte - das geht nicht, da gibt es keine Möglichkeit.

Wie beginnt Ihr Jahr 2013 - erst einmal mit einer kleinen Pause nach den vielen Weihnachtskonzerten?
Nein, nicht wirklich... Im Januar 2012 habe ich erst einige Konzerte in Holland, dann eine Tour mit dem Collegium Vocale Gent, und dann muss ich nach Japan - also ist der Januar schon wieder voll.

Und was wünschen Sie sich für die Alte Musik zum Neuen Jahr?
Ich wünsche mir, dass die Hörer, die Konzertbesucher, sich viel mehr auf die früheren Epochen einlassen. Das ist so wunderschöne Musik, so vielseitig auch, und voller verschiedener Facetten - das lohnt sich!


Erschienen im Januar 2012 in Toccata - Alte Musik Aktuell. zurück
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